Antrag, der Zweite

“Und wisst ihr was? Ich war immer da und habe seinen Schmerz geteilt.”

Er, Sie und Ich – Auszüge aus einer genderfluiden Ehe – Lie H. Ard

Dieses Zitat stammt aus einer Rede von Lie, die sie auf dem CSD Recklinghausen am 25. Juni 2022 gehalten hatte. Sie bezieht sich dabei auf das Zusammenleben mit mir und mit unserer Reise durch die Entdeckung meiner Geschlechtsidentität. Es war dieser Satz, der mich in dieser Rede (nicht zum ersten Mal) zum Weinen brachte. Als dieser Satz fiel, habe ich nicht im Traum daran geglaubt, dass das ich vor einem Mikrophon stehe, “Ja, ich will!” sage und eine Menge vor mir jubelt. Doch genau das ist passiert. 

Bevor ich euch aber meine Gedanken und Gefühle schildere, lasst mich euch einmal kurz erklären, was passiert ist.

Der Tag

Schon seit einigen Wochen war klar, das Lie eine Rede auf dem CSD in Recklinghausen halten wird. Sie war gebührend nervös und an diesem Tag war ich es auch. Während Corona noch um uns greift auf eine solche Veranstaltung zu gehen, ist doch immer noch etwas besonderes. 

Für mich war dieser Tag auch noch aus einem anderen Grund besonders, denn ich wollte das erste Mal seit langem wieder en femme ausgehen. Zwar bin ich genderfluid und lebe das zuhause auch sehr offen, gehe so aber selten aus. Es war wirklich heiß – zumindest dachte ich das bis dato. (Das Zukunfts-Ich weiß es besser!) und mich in eines meiner Lieblingsoutfits samt Schuhe mit Absätzen geschmissen.

Die erste Überraschung war, das meine Mutter und mein Stiefvater uns unangekündigt besuchten und uns auch auf den CSD begleiteten. 

Auf dem CSD selbst trafen wir dann den Rest meinen Vater, seine Lebensgefährtin, meine Tante und unseren engsten Freunde. Da war ich wirklich baff. Trotzdem freute ich mich, dass sie alle gekommen waren um Lie auf der Bühne beizustehen und zuzuhören. 

Die Rede

Nicht lange nachdem wir angekommen waren, bat Betty D. Fort Lie auch auf die Bühne und gab ihr die Möglichkeit ihre Rede vorzutragen. 

Sie drehte sich darum, wie sie meine Reise wahrgenommen hatte. Wie sie meine Krisen und Selbstzweifel sah, obwohl ich versuchte sie zu verbergen. In diesem Augenblick wurde mir noch einmal vor Augen geführt, wie sehr ich diese Frau liebe und wie viel ich ihr verdanke!

Nach der Rede, die nicht nur mich, sondern auch viele Zuschauende zum Weinen gebracht hatte, war es Betty, die noch einmal auf die Bühne schritt und kurz mit Lie sprach – und mich selbst auf die Bühne bat! Damit hatte ich echt nicht gerechnet, vor allem, weil ich mir nicht vorstellen konnte, worum es gehen könnte. Auf der Bühne begann Lie wieder zu sprechen. Sie erzählte der Menge vor der Bühne, das wir vor mittlerweile fünf Jahren heirateten und ich da schon gerne im Kleid vor den Altar getreten wäre, das aber aus Angst und aus Rücksicht auf unsere Gäste, vor denen ich mich damals noch nicht geoutet hatte, nicht tat.

Heute, fünf Jahre nach unserer ersten Hochzeit, wolle sie mich fragen, ob wir uns noch einmal trauen lassen möchten – dieses Mal auch mit mir im Kleid. Ich war baff. Vor allem, das sie das auch schon mit der Kirche, in der wir uns das erste Mal trauen liessen, schon besprochen hatte.

Ja, ich will!

Unter Jubel, großem Hallo durch die Familie und Umarmungen fremder Menschen und mit romantischer Musik verließen wir die Bühne.

So – soweit zu dem, was passiert ist. Jetzt versuche ich einfach mal meine Gedanken dazu zu ordnen und euch teilhaben zu lassen.

Gedanken

Ich bin unglaublich stolz und dankbar. Lie hat eine wunderbare Rede geschrieben, die auch Menschen, die sich nicht falsch in ihrem Geschlecht fühlen, die Möglichkeit gibt, eine gedankliche Brücke zu schlagen, denn die meisten Menschen haben ja selbst Momente oder Situationen in denen Sie sich mit ihrem Körper unwohl fühlen. 

Einige der Dinge waren mir selbst gar nicht bewusst. Zum Beispiel auch, dass sie meine Verzweiflung, mein Unwohlsein und auch meine Angst häufig durchaus mitbekommen hat, obwohl ich versuchte das zu verstecken. Das ihr das auch Leid antat, weil sie mir nicht mehr helfen konnte. Es tut mir so leid, das ich oft nicht gesehen habe, wie schwer es für dich gewesen sein muss. 

Aber dann kam der Antrag. Ich war und bin über diesen Moment so glücklich. Die Chance zu erhalten den Menschen, den ich so sehr liebe, noch einmal zu heiraten – und dieses Mal selbst als Frau. Das hätte ich mir nie träumen lassen. Wir hatten immer wieder mal darüber gesprochen, das wir das ja nochmal unter uns, mit ein paar eingeweihten Freunden machen könnten – das ist zwar auch schön, aber im Ansatz nicht das gleiche wie vollkommen geoutet in einer Kirche im Kreis der Freunde und Familie und Kollegen noch einmal zu heiraten. 

Ich habe lange an diesem Artikel geschrieben, weil ich diesen Artikel gerne so einzigartig, so perfekt und als so großartigen Liebeserklärung geschrieben hätte, wie dieser Samstag für mich war. 

Nichts, aber auch wirklich nichts was ich schreibe, fühlt sich diesem Ereignis und den Gefühlen, die ich empfinde, angemessen an. Daher mag ich zum Abschluss dieses Beitrags euch einladen, mich in einem neu aufgeschlagenem Kapitel meines Lebens zu begleiten – ich werde sicherlich häufig genug darüber schreiben.

Bei meinen Freunden und meiner Familie, die mich in all den Jahren begleitet, aufgefangen, herausgefordert und gestützt haben, möchte ich mich bedanken. Bedanken dafür, das ihr diesen wunderbaren Tag ermöglicht und mit mir geteilt habt und mich zu dem Menschen gemacht habt, der ich jetzt bin.

An meine Liebe

Die letzten Zeilen dieses Beitrags sollen meiner Frau gewidmet sein:

Ich danke dir, für all die Jahre, in denen du mir eine gute Freundin und eine Stütze in Zeiten der Angst und Selbstzweifel warst. Wir haben schwierige Phasen erlebt und stets konnte ich mich darauf verlassen, das du an meiner Seite bist. Wann immer ich wankte, warst du da um mich aufzufangen, mir Mut zuzusprechen und mit mir einen weiteren Schritt nach vorne zu machen. Egal ob ich lache oder weine, immer bist du an meiner Seite, wenn ich die intensivsten Momente meines Lebens erlebe. Es gibt noch so viele Dinge mehr für die ich dir so unendlich dankbar bin und die ich niemals vergessen werde. 

Ich freue mich auf viele weitere Jahre, die ich Seite an Seite mit dir verbringen darf und freue mich darauf, ganz bewusst, unbeschwert und mit dir zusammen dem kleinen Imperator auf seinem Weg durch das Leben zu helfen.

Ich liebe dich.

Robin

Empfohlene Artikel

2 Kommentare

  1. […] irgendwann einmal erfunden hatte, um mich zu beschreiben. Die Bezeichnung hat sogar Einzug in den CSD-Recklinghausen […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Jetzt abonnieren!

Erhalte die neuesten Artikel direkt als Mail!