Gefühle: Ängste aus der Vergangenheit

Einstimmendes Bild.

Gestern war einer dieser Tage, an denen mich meine Ängste aus der Vergangenheit einholten und ich mich unwohl fühlte.

Generell gibt es Tage, an denen ich mich in meinem Körper unglaublich falsch fühle. Tage, an denen ich lieber den Körper hätte, der meinem, in diesem Augenblick empfundenen, Geschlecht entspricht.

Wenn ich frei habe, ist das auch kein Problem. Aber gestern hat mich ein Traum gepackt und alte Ängste wach gerufen.

Dreh-Momente

Mithilfe meiner C-Cup-Einlagen kann ich mich dann in einen Zustand bewegen, in dem ich mich mit mir selbst sehr wohl fühle. Dann schminke ich mich (vielleicht) oder ziehe mich so an, dass ich mich gerne als Frau im Spiegel betrachten kann. Das sind dann auch die Tage, an denen ich so unterwegs bin und gespannt beobachte, welche Reaktionen ich in meinem Umfeld auslöse!

Dieser Beitrag behandelt unter anderem auch Depressionen. Solltet ihr merken, dass ihr selbst Probleme mit Depressionen habt oder Anzeichen bei anderen Personen bemerkt, sucht euch rechtzeitig Hilfe:
Bei Suizidgefahr: Notruf 112
Deutschlandweites Info-Telefon Depression, kostenfrei: 0800 33 44 5 33
Beratung in Krisensituationen: 
Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111)

An Tagen, an denen ich nicht frei habe, ist das etwas schwieriger. Zwar bin ich mittlerweile auch in meinem Team auf der Arbeit geoutet, kann mich dort aber selten in der Gestalt bewegen, in der ich mich an solchen Tagen wohl fühle. Ich versuche mich dann mit kleinen Tricks zumindest ein wenig weiblicher zu fühlen, sei es durch Nagellack, etwas femininiere Ohrstecker oder eine Damenjeans.
Trotzdem sind es dann meistens diese Tage, in denen ich mich gefangen fühle. In denen ich Leuten ins Gesicht sagen, ja schreien will: Ich bin eine Frau! Bitte sprich mich auch so an.

Das sind zum Glück nur seltene Momente und sie gehen auch schnell wieder vorbei.

Den Großteil meiner Zeit verbringe ich als Mann. Im Gegensatz zu meinen weiblichen Tagen habe ich hier nicht das Problem, dass ich mich in einer Situation befinde, in der ich mit diesem zur Schau gestellten Geschlecht nicht sein möchte. Sollte ich als Frau unterwegs sein und mich plötzlich wieder männlich fühlen, kann ich mich kurzerhand abschminken, den BH ausziehen und schon bin ich wieder in meinem angeborenem Körper. Diese Freiheit zu haben, das erleichtert mich schon sehr. Ich weiß, dass ich in mir immer einen Rückzugsort habe, der es mir erlaubt trotz der Umstände immer ich zu sein.

Rückblick

Gestern Morgen habe ich aber etwas erlebt, was mir Angst gemacht hat. Ich habe von einer Situation geträumt, die ich vor Jahren mal erlebt habe. Als ich noch nicht geoutet war und noch als Jugendlicher bei meinen Eltern lebte, habe ich viel und gerne gezockt. Das war die Zeit, in der ich von der Dorfjugend und von Mitschülern häufig gemobbt wurde. Zum Zocken war ich in meinem Zimmer, meinem Safespace. Dort gab es nur mich und gelegentlich ausgewählte Gäste, denen ich vertrauen konnte. Und das Internet. Diese eigene Welt, in der so vieles möglich war und auch noch ist. Und wo auch viele Sachen passiert sind, die eigentlich nicht hätten sein sollen.

Eine dieser Situationen habe ich in der Online-Lobby von Blizzards Warcraft III Battle.net erlebt.

Ich war mit einem Bekannten zum Spielen verabredet und uns in der Lobby eingetroffen um ein gemeinsames Spiel zu starten. Als ich in die Lobby kam, natürlich unter meinem damals üblichen Nickname, schrieben Spieler in den Chat „Hey, bist du nicht die Schwuchtel aus soundso?“ Damit ging ein wahres Stakato an hämischen Kommentaren und weiteren Beleidigungen los.

Aus einer Runde Warcraft III, weit entfernt von allen Mobbern, wurde ein Mobbing, das mich noch viel härter traf, als die meisten Situationen auf dem Schulhof. Zwar hielten mich da niemand an den Armen fest, um mir weh zu tun – dafür war das Mobbing auf einmal da, wo ich nicht mehr wegkonnte: in meinem Zimmer. In meinem Safespace. Im Internet, das große weite Reich, das ich für mich als Zuflucht entdeckt hatte.

Meine Begeisterung für Online-Spiele die in irgendwelchen Lobbies gematcht werden, verschwand genau in diesem Augenblick und kam auch bis heute nicht wieder.

Der Traum und seine Auswirkungen

Gestern Morgen hatte ich dann einen Traum, der mich noch in den Tag verfolgte. Ich träumte davon, das ich auf der Arbeit einem Mann begegnen würde, der mich genau so begrüßt, wie es damals diese Person im Battle.net getan hat. Jemand, der mich ansieht und sagt: „Hey, bist du nicht die Schwuchtel aus soundso?“ Das ich auf der Arbeit stehe und das wilde Stakato beginnt, wie es damals auch im Chat begonnen hatte. Mir wurde schlecht.

Als ich dann wie jeden Morgen ins Badezimmer ging um meine Morgenroutine zu beginnen, stand ich vor dem Spiegel. Und das erste Mal seit Langem hatte ich das Gefühl, das ich auch in meinem normalen, männlichen Körper falsch bin. Sind meine Locken nicht eine Einladung zum Mobben? Meine Fingernägel nicht zu lang und damit weibisch? Was ist mit meinen, nicht mal gezupften, Augenbrauen? Heute lieber kein Haarband oder Haarreif um die wilden Haare zu bändigen! Der Rasierer lag nicht weit weg. Am liebsten hätte ich mich in diesem Augenblick wieder in das graue, schüchterne Männlein verwandelt, das möglichst niemanden einen Anstoß zum Ärgern gibt. Einfach die Haare kurz schneiden, damit nur ja niemand Anstoß an mir nehmen kann. Sicher, ich hätte, wie so oft, nach ein paar Tagen meinen Haaren hinterhergeweint – aber das war mir in meiner Panik an diesem Morgen einfach egal.

Erkenntnisse

Früher hätte mich eine solche Situation in Depressionen gestürzt. Ich hätte mich aufs Bett gesetzt, wäre abgesackt und hätte das Haus nur noch verlassen, um mich krank schreiben zu lassen.

Gestern habe ich es geschafft arbeiten zu gehen. Mit Haarreif. Mit Fingernägeln. Ohne mich so zu verändern, das ich es heute wieder bereut hätte.

Das ich das konnte habe ich Lie zu verdanken. Sie hat mir immer zur Seite gestanden, auch heute Morgen. Bestimmt waren die Zeiten, an denen soetwas beinahe jede Woche passierte, nicht leicht. Und sicherlich war es auch dieses Mal nicht einfach. Danke, dass du bei mir warst und mir gezeigt hast, das ich toll bin, so wie ich bin. Ich liebe dich.

Lasst euch von euren Ängsten und Gedanken nicht in Haft nehmen. Natürlich sind es gerade unsere Ängste, die uns so hilflos und verzweifelt fühlen lassen. Sie leben in uns und vor ihnen gibt es kein Verstecken. Manchmal kann man sich ablenken um Kraft zu sammeln, bevor man den nächsten Versuch macht, sie zu überwinden. Manchmal muss man aber einfach einen beherzten Schritt machen. Nach vorne, auf die Angst zu, um zu erkennen, dass sie nur ein Bild ist, gezeichnet, um uns von unserem Weg abzubringen.

Ich hoffe, ihr habt solche Probleme nicht oder nicht so häufig. Genießt noch das gute Wetter und passt auf euch auf.


Liebe Grüße
Eure vaash

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